Das Wichtigste heute ist die Mutlosigkeit zu stoppen

Abel Prieto, Kulturminister Foto: Miguel Fernández

CARACAS – Die große Schlacht, die heute weltweit zu schlagen ist, ist nicht die um Räume, sondern sie findet im Kopf eines jeden Einzelnen von uns statt. Es gibt genügend Revolutionäre, Guerilleros der Ideen, aber die Kräfte zerstreuen sich angesichts eines solch mächtigen und kompakten Blocks der Kommunikationsmedien, die darauf aus sind, den Menschen in eine Geisel seiner Emotionen zu verwandeln, abgekoppelt von seiner Fähigkeit zu denken.

Nicht ohne Grund hat am 20. November der bolivarische Präsident Nicolás Maduro zu einer Kommunikationsrevolution aufgerufen, die die traditionellen Medien, die sozialen Netze, die Straßen, die Wände einschließt. Er fordert uns vom progressiven Denken ausgehend, zu einer intensiven und notwendigen Arbeit auf.

Und genau um diese dringliche Angelegenheit ging es beim XV. Treffen des Netzes der Intellektuellen, Künstler und Sozialen Bewegungen in Verteidigung der Menschheit, das am 6. und 7. März in Anwesenheit von über 60 Denkern aus Venezuela und anderen Breitengraden stattfand.

In dem Forum mit dem Namen „Emanzipatorische Kommunikation oder kolonisierte Vaterländer“ wurde deutlich, dass eine vom humanistischen Blickwinkel ausgehende Intelligenz in dieser Welt vorhanden ist, dass sie aber artikuliert werden und agiler auftreten muss, um die Wahrheit der Völker zu verteidigen. An dieser Stelle war es, dass der Kulturminister Kubas, Abel Prieto Jiménez sagte, dass „ man die Schlacht um das Bewusstein und um die Ideen gewinnen muss“.

Am zweiten Tag des Treffens nahm sich Abel die Zeit zu diesem Gespräch, in dem er über die Zeit, in der wir leben sprach, die es erfordere, dass man für ein kritisches und revolutionäres Denken kämpft.

—Sie haben bei diesem Treffen daran erinnert, dass die Linke kein Paradigma hinsichtlich der Kommunikation aufgebaut hat, das eine Alternative gegenüber der Medienhegemonie der Rechten darstellen würde. Welche Überlegungen Ihrerseits gibt es dazu?

Die Intellektuellen Venezuelas und die anderer Länder haben hier über diesen Mangel gesprochen, den die Linke traditionell aufwies, wenn es darum geht hinsichtlich der Kommunikation eine Art Paradigma zu schaffen, das sich angesichts dieser Maschinerie der Lüge und Diffamierung wirksam erweisen würde. Wir können sie nennen, wie wir wollen, aber sie ist zweifellos sehr effizient dabei gewesen, das Bewusstsein zu zähmen, das kritische Denken in Lethargie zu versetzen um z.B. bei den Leuten Kandidaten durchzusetzen, die ihnen goldene Berge verprechen und sie anschließend verraten.

Aus diesem Grund können wir beobachten, dass es Gruppen von Menschen gibt, die gegen ihre eigenen Interessen abstimmen, gegen die ihres Landes, gegen das was sie bereits erreicht haben. Das sind gespenstische Dinge, die mit der Welt zu tun haben, in der wir heute leben, in der einige wenige Medienkonzerne alles kontrollieren.

Es wurde hier über die Rolle der sozialen Medien gesprochen, die auch in Wahlprozessen, aufgrund der großen Basis an Daten, die die sozialen Netze anbieten und von denen aus man psychologische Profile der Personen ableiten kann, sehr gut darin waren, die Empfänger mit auf den einzelnen Adressaten abgestimmten Botschaften zu erreichen. Das bedeutet, dass sich dort die Maschinerie für Manipulation und Täuschung befindet, ein Thema, das in allen Diskussionen des Netzes zu Verteidigung der Menschheit eine Konstante war.

Ich erinnerte an ein Forum, das im Dezember 2004 im Cuartel de la Montaña stattfand, als Chávez uns dazu aufrief, in die Offensive zu gehen, uns aufrief eine Bresche in die mediatische Umlagerung zu schlagen. Daraus entstand die Idee von Telesur, das so erfolgreich und von so großer Bedeutung gewesen ist. Von diesem Zeitpunkt an sprechen wir von der Manipulationsmaschinerie. Aber ich würde sagen, dass heute die Konzentration der Medien, die Ausnutzung des Unterbewusstseins der Menschen in einer fast Orwellschen Weise angestiegen ist. Wir stehen vor einer enormen Herausforderung und ich glaube, dass es am wichtigsten ist, dieses neue Paradigma zu schaffen, das partizipativ sein muss, weil es das revolutionäre Volk sein muss, das die sozialen Netze nutzt und das sich weigert hypnotisiert und wie eine Schafherde von einer Seite zur anderen geführt zu werden. Gleichzeitig muss es uns gelingen, Inhalte zu schaffen. Wir müssen kritisch dem System gegenüber sein aber gleichzeitig Vorschläge machen.

—Von 2004 bis heute haben sich die Umstände merklich verändert. Wie Sie sagen, haben die Widrigkeiten zugenommen …

—Fidel und Chávez haben Außerordentliches in die Wege geleitet. Danach schlossen sich Evo, Correa, Daniel und ALBA an. Die Freihandelszone für die Amerikas (ALCA) wurde in Mar del Plata besiegt und es kam zu einem wirklich ruhmreichen Moment der Linken in Unserem Amerika. Néstor Kirchner und danach Cristina waren an der Niederlage von ALCA beteiligt. Es war wirklich ein sehr bemerkenswerter Augenblick. In Brasilien war die Arbeiterpartei an der Regierung. Es war eine Zeit, die wirklich viele Hoffnungen erweckte, die Amerika in Zentrum verwandelte.

Wir sehen jetzt, dass viele vom Pendel sprechen. Eine der düstersten Dinge wäre es zu akzeptieren, dass es ein Pendel gäbe, das nach links ausgeschlagen habe und das jetzt ein Pendel käme, das rechts schlägt. Das ist verrückt, denn die Geschichte bewegt sich nicht in Pendelbewegungen. Die Geschichte machen die Männer, die Frauen, die Völker und ich denke, dass es heute am wichtigsten ist, die Demoralisierung, die Mutlosigkeit aufzuhalten, die es innerhalb der progessiven Kräfte gibt, die Idee zu stoppen, dass es jetzt zu einem Fatalismus kommen werde, dass anstelle der Ideen von Bolivar, Martí, Fidel und Chávez, der kubanischen und lateinamerikanischen Revolution uns weitere zehn Jahre Neoliberalismus bevorstehen würden. Alles was geschieht, hängt unweigerlich von unserer Fähigkeit ab, effektiv, tiefgehend und ernsthaft miteinander in Verbindung zu treten.

—Wie soll die Linke die Herausforderung annehmen weiterzukämpfen, ohne sich entmutigen zu lassen?

—Es herrscht Einstimmigkeit unter den Teilnehmern dieses Treffens, dass man da nur mit konkreten Schritten, einem Aktionsplan herauskommt.

Etwas, was das Netz tun kann, ist, die Herzstücke des kulturellen Widerstandes, die alternativen Medien, das Radio, die Arbeit der digitalen Guerilla in den sozialen Netzen zu verknüpfen. Es gibt viele, die nicht aufgegeben haben, die für die Emanzipation, gegen die neoliberale Offensive kämpfen, die aber nicht miteinander in Verbindung stehen.

Ich glaube, dass das Netz sich die Aufgabe stellen muss, alle diese Kräfte zueinanderzubringen und zu erreichen, dass die Leute spüren, dass wir es mit einem globalen Kampf zu tun haben und dass die kleinen lokalen Kriege das Problem nicht lösen werden, selbst wenn sie auf lokaler Ebene zum Erfolg führen sollten.

Da gibt es z.B. die Idee, dass eine ethische Überwachung der Medien wichtig ist. Ein Compañero erwähnte hier die in der Zeitschrift Forbes erschienene Verleumdung, dass der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro ein Millionenvermögen habe und zu den reichsten Staatschefs der Welt gehöre. Ich sagte dem Teilnehmer, dass damals Fidel im Fernsehen sagte, dass wenn sie ihm nur einen einzigen Beweis über das bringen würden, das sie veröffentlich hätten, er sofort zurücktreten würde. Forbes hat nie eine Antwort darauf veröffentlicht.

Die großen Medien lügen, wenn es zu einer Reaktion darauf kommt, geben sie nie zu, dass sie gelogen haben und die Lüge steht im Raum. Das ist die Theorie von Goebbels: eine Lüge so oft wiederholen bis sie zur Wahrheit wird. Das ist heute die Philosophie der großen Medien.

Hier wurde auch darüber gesprochen, was man in Venezuela mit den Guarimbas machte, wie im Internet Bilder über Gewaltakte, Abschlachtungen, Schläge zirkulierten, die es noch nicht einmal gegeben hat, die aber der Polizei und der bolivarischen Regierung bei den Auseinandersetzungen mit der Opposition zugeschoben wurden. Wie man sieht, zirkulieren diese Verleumdungen unentwegt. Gut, man spricht von „Postwahrheit“, von absolut erfundenden Fakten mit destabilisierender Absicht, die sobald sie das Netz infizieren, von den Leuten geglaubt werden.

Die Lage sist schrecklich. Die großen Medien haben eine Masse von Personen geformt- vor allem junge Leute, die sehr an dem hängen, was sich in den Netzen abspielt und die sehr leichtgläubig sind. Deswegen bin ich der Auffassung, dass das andere, was wir tun müssen, ist vor allem die Jugendlichen zum kritischen Studium dieses Kommunikationsmedienphänomens anzuhalten.

Man muss dazu anleiten, die Intelligenz zu benutzen. Erinnern wir uns nur daran, was uns Fidel so oft gesagt hat: Sie möchten uns den Denkapparat zerstören. Das ist das große Projekt: Dass die Menschen nicht mehr denken, dass die Menschen nicht kritisch die Lügen betrachten, die von den Medien in Umlauf gebracht werden.

Zu diesem Zeitpunkt können wir eine Frage stellen: Werden wir zulassen, dass das Denken Fidels, der Generationen in Kuba und Lateinamerika als etwas Archäologisches, etwas aus der Vergangenheit betrachtet wird? Werden die Venezolaner zulassen, dass das Denken Chávez´im Museum bleibt, als etwas, das es gab, das aber jetzt keine Gültigkeit mehr hat? Ich glaube, dass das nicht viel mit uns zu tun hat.

Veröffentlicht unter Aktuell, Cuba, International, Kultur

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