Lynchmob in Caracas

 
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Mit Benzin übergossen und angezündet: Der 21jährige Orlando José Figuera erlitt am Wochenende schwerste Verletzungen

Das Szenario in Venezuela weckt Erinnerungen an den Maidan. Am Wochenende jagten maskierte Regierungsgegner in Caracas einen jungen Mann, den sie offenbar für einen »Chavisten« hielten, durch die Straßen, übergossen ihn mit Benzin und zündeten ihn an. Der 21jährige Orlando José Figuera, der in einem Video als lebende Fackel zu sehen ist, erlitt schwerste Verbrennungen. Präsident Nikolás Maduro zeigte sich am Sonntag in seiner wöchentlichen Fernsehsendung »Los domingos con Maduro« alarmiert. Die Regierung sei besorgt über eine zunehmende faschistische Strömung innerhalb der rechten Oppositionsparteien. Maduro forderte die Bevölkerung auf, dem »Hass und der Intoleranz« der Rechten entgegenzutreten. Am gestrigen Dienstag beteiligten sich landesweit Hunderttausende an einem »Marsch für den Frieden«, zu dem Maduro aufgerufen hatte.

Die Contras setzen allerdings weiter auf Eskalation. Nachdem auf den Protestdemonstrationen zunächst vor allem Steine und Molotowcocktails geworfen wurden, greifen rechte Aktivisten mittlerweile gezielt Hilfs- und Versorgungseinrichtungen an. Ende letzter Woche hatten militante Gruppen in der von deutschen Einwanderern gegründeten Stadt Colonia Tovar gewütet, unter anderem einen Krankenwagen in Brand gesteckt und sechs Feuerwehrleute verletzt. In der Nacht zum Montag gingen bei einem Angriff auf das Verkehrsunternehmen »Transbolívar« 51 Autobusse in Flammen auf.

Die seit gut 50 Tagen laufenden Aktionen der rechten Opposition, die mit dem Ruf nach Neuwahlen den gewählten linken Präsidenten Nikolás Maduro stürzen will, erhalten zwar keinen weiteren Zulauf mehr, werden aber zunehmend brutaler. Zum »50. Aktionstag« hatte das Oppositionsbündnis »Tisch der demokratischen Einheit« (MUD) unter dem Motto »Wir sind Millionen« am Sonnabend zu Massenprotesten aufgerufen. Gefolgt waren dem Aufruf nicht einmal ein Fünftel der erhofften Teilnehmer. Oppositionspolitiker Henrique Capriles, der für diesen Tag »mehr Schlagkraft« angekündigt hatte, versuchte daraufhin, mit einem Teil der Demonstranten auf einer nicht angemeldeten und nicht genehmigten Route zum Innenministerium im Zentrum der Hauptstadt vorzustoßen. Das Onlineportal tagesschau.de – Maidan lässt grüßen – berichtete verständnisvoll, die »Oppositionsanhänger« seien mit »Stöcken und Steinen bewaffnet« gewesen, um sich gegen die Polizei »zur Wehr zu setzen«. Einwohner der Hauptstadt berichten dagegen von »paramilitärisch organisierten Gruppen, die gezielt Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften suchen und dabei Tote in Kauf« nehmen. Die bisherige Bilanz beläuft sich auf mehr als 60 Todesopfer und über 900 Verletzte.

Mit dem gestrigen »Marsch für den Frieden« warb die Regierung erneut um Unterstützung für die Einberufung einer Verfassungsgebenden Versammlung (Asamblea Nacional Constituyente, ANC), in der Präsident Maduro die einzige Möglichkeit sieht, Gewalt und Terror im Land zu beenden. Der Leiter der Kommission zur Vorbereitung dieser Versammlung, Venezuelas früherer Vizepräsident Elías Jaua, berichtete am Montag, dass zahlreiche Gruppen der Zivilgesellschaft in den letzten Wochen bereits den Dialog über deren Inhalte aufgenommen haben. Jaua appellierte an den MUD und andere Oppositionelle, Vorschläge für eine friedliche Lösung einzubringen. Zugleich forderte er die Generalstaatsanwaltschaft auf, Straftaten aufzuklären und weitere Gewaltaufrufe rechter Kräfte zu verfolgen.

Volker Hermsdorf



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