»Niemand sagt mir, was ich publizieren soll«

»Jorgito« und sein Vater Jorge in Hamburg (November 2014)

 

In einem Radiointerview aus Anlass des 25. Jahrestages des Mauerfalls hat der heutige Chefredakteur der Tageszeitung Neues Deutschland, Tom Strohschneider, erklärt, dass sein Blatt bis 1989 kein journalistisches Produkt gewesen sei, weil es in der DDR keinen Journalismus gegeben habe. Möglicherweise ist er der Meinung, dass das auch für das heutige Kuba gilt. Was antworten Sie ihm als kubanischer Student der Fachrichtung?

Natürlich muss in Kuba der Journalismus deutlich verbessert werden. Das ist klar. Aber selbstverständlich gibt es ihn. Wir haben einen revolutionären Journalismus, einen, der sich an die revolutionären Gesetze hält, einen Journalismus in Übereinstimmung mit den Zeiten, in denen wir leben. Es ist ein Journalismus, der den Veränderungen verpflichtet ist. Darüber gibt es auch harte Diskussionen zwischen den Studenten an den Akademien – zu denen auch ich gehöre – und den Kollegen, die ihr Studium bereits abgeschlossen haben. Erst vor wenigen Tagen habe ich über Facebook eine Diskussion mit einem Freund geführt, der in Kuba studiert hat und nun in Argentinien lebt. Er hat mir beschrieben, dass man dort an der Hochschule etwas völlig anderes unter Journalismus versteht als bei uns. Ich habe ihm geantwortet, dass in Kuba sicherlich keiner für die kapitalistische Welt gelehrt wird. Unser Journalismus entspricht dieser Zeit in unserem Land, auch wenn er, wie gesagt, natürlich perfektioniert werden muss. Dazu sind wir vor der Geschichte verpflichtet. In einer so sehr globalisierten Welt, in der die Netze immer wichtiger werden und eine Nachricht eher einen Twitter-Nutzer erreicht als eine Zeitung oder einen Fernsehsender, müssen wir unsere Arbeitsweise weiterentwickeln. Deshalb erleben die Journalisten in Kuba derzeit Veränderungen ihres Berufs, um ihn sehr viel wettbewerbsfähiger zu machen. Das Ziel dieses Wandels ist, dass sich das Volk wiedererkennt und von den Journalisten und den Medien repräsentiert fühlt. Und das trotz der geringen Präsenz der Medien in Kuba, die von den bekannten wirtschaftlichen Schwierigkeiten verursacht wird. Es gibt nur drei landesweite Tageszeitungen, Granma, Juventud Rebelde und Trabajadores, die die kubanische Realität widerspiegeln sollen. Wenn wir es erreichen, dass diese Blätter ihre Aufgabe erfüllen, haben wir einen wichtigen Schritt zu einem revolutionären Journalismus getan. Wir brauchen einen, der das Wohl aller zum Ziel hat.

Was lernt ein angehender Journalist an seiner Hochschule in Kuba? Sicherlich den Umgang mit den verschiedenen Stilarten journalistischer Arbeit … Aber wird auch Recherche gelehrt? Woher bekommt ein Journalist in Kuba seine Informationen?

Ich denke, dass die Hochschulausbildung der Journalisten ebenfalls perfektioniert werden muss. Die Universitäten haben sich bereits gezwungen gesehen, Schritte in diese Richtung zu unternehmen. Wir haben sehr junge Professoren – zumindest an der Hochschule, an der ich studiere –, und diese legen großen Wert auf Recherche und journalistische Professionalität. Im ersten Studienjahr lernen wir die verschiedenen Genres im Journalismus kennen. Dabei fangen wir mit dem Zeitungsjournalismus an, der die Grundlage für alle anderen Medien ist. Erst danach folgen Rundfunk und Fernsehen, um in jedem Medium die jeweiligen Stilmittel, Techniken und Arbeitsweisen bedienen zu können. So war es jedenfalls bisher. Künftig werden wir auch vermehrt die digitalen Medien behandeln müssen, um Kuba unter den heutigen Bedingungen vertreten zu können.

Diese neuen Medien bedienen Sie ja bereits als Blogger auf einer eigenen Internetseite. Hauptsächlich arbeiten Sie aber für die regionale Wochenzeitung in Camagüey, Adelante. Was schreiben Sie für dieses Blatt?

Mich interessieren generell alle Themen, bei denen es um Probleme geht. Das kann mal eine Auseinandersetzung mit den Präsidentschafts- und Kongresswahlen in den USA sein, ein anderes Mal eine Kritik an einem Restaurant oder einem Geschäft bei uns vor Ort. Das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt, denn in den großen internationalen Medien wird gerne behauptet, dass in Kuba keine Kritik möglich sei. Das stimmt aber nicht. Ein weiteres Thema, das mir wichtig ist, sind die Cuban Five, die fünf Kubaner, die zu Unrecht in US-amerikanischen Gefängnissen inhaftiert waren. Dann interessiert mich auch der Sport, vor allem Baseball. So habe ich vor einiger Zeit untersucht, warum die Baseballmannschaft meiner Stadt nicht mehr gewinnen konnte. Ich konnte einige Dinge ans Tageslicht bringen, von denen die Bevölkerung nichts wusste. Es war ein Artikel darüber, wie objektive und subjektive Faktoren Einfluss auf die Baseballspieler hatten. Ich glaube, der Beitrag ist sehr gut aufgenommen worden. Die Kubaner sind sehr ehrlich und offen, und sie sagen dir sofort, ob ihnen dein Artikel gefallen hat oder nicht. Diese engen Bande, die es in Kuba zwischen den Journalisten und der Bevölkerung gibt, sind sehr wichtig und helfen bei der Arbeit.

Im Ausland wird jedoch oft das Fehlen einer »unabhängigen«, oppositionellen Presse in Kuba kritisiert. Damit begründen die USA auch den Betrieb von antikubanischen Propagandasendern wie Radio Martí. Was denken Sie über solche Kritiken?

Wie ich schon sagte: Die Presse in Kuba muss besser werden, muss sich professionalisieren, kritischer und objektiver werden. Sie muss beide Seiten einer Sache beleuchten. Unsere Medien müssen darum kämpfen, in einer globalisierten und informierten Welt bestehen zu können.

Vielleicht ist die Presse in Kuba nicht unabhängig. Tatsächlich aber sagt niemand einem Journalisten, was er schreiben soll und was nicht. Mir jedenfalls ist das noch nie passiert. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich feststellen: Zu mir ist noch nie jemand gekommen, um mir zu sagen, ich soll das oder das nicht veröffentlichen. Eine Übereinstimmung mit der Ideologie des jeweiligen Mediums sollte allerdings schon gegeben sein. Sicherlich wird die Adelante keine Kommentare von irgendeinem Millionär veröffentlichen, denn das passt einfach nicht. Letztlich gehören die Medien der Gesellschaft, dem Staat und den arbeitenden Menschen.

Die sogenannten alternativen Medien wie Radio Martí oder die konterrevolutionären Blogs wie der von Yoani Sánchez und ihrer Bande dienen keinem anderen Zweck, als Jahr für Jahr vor den Abgeordneten des US-Kongresses die Freigabe von Millionen Dollar zu rechtfertigen, die der Destabilisierung Kubas dienen sollen. Sie sind nichts anderes als Söldner, sie fühlen nicht mit dem arbeitenden Volk Kubas. Ihnen geht es nur um das Geld des Imperiums, das offiziell dazu dienen soll, die Kubanische Revolution zu bekämpfen. Was sie machen, ist nichts anderes als ein Geschäft, wie es in dieser kapitalistischen Welt üblich ist.

Was schreiben Sie in Ihrem Blog?

Ich beschäftige mich auf meiner Seite mit allem. Ich kritisiere oft scharf bestehende Missstände. Zugleich wird mein Blog auch durch meine Dankbarkeit für mein Land geprägt, denn ohne die Leistungen Kubas würde ich heute vermutlich nicht mehr leben. Deshalb werde ich oft angegriffen und als »Staatsblogger« bezeichnet, weil ich unerschütterlich mein Land und die Revolution verteidige.

Das Geheimnis bei einem Blog ist, dass er gepflegt wird. Ein Blog ist wie ein kleines Kind. Wenn es nicht betreut und gepflegt wird, stirbt es. Wenn man ihm nichts zu essen gibt, stirbt es. Wenn man ihm nichts zu trinken gibt, stirbt es. Für mich ist mein Blog mein kleines Kind, das ich pflege, damit es wächst und gedeiht. Ich bin sehr glücklich darüber, zumal mir niemand sagt, dass ich dieses oder jenes nicht publizieren solle. Das ist nämlich einer der Mythen, die von den großen Medien über Kubas Blogger verbreitet werden. Aber tatsächlich gibt es keine Zensur. Ich habe hervorragende Kontakte mit anderen Bloggern, die das ebenfalls bestätigen können. Vor einiger Zeit gab es sogar ein von der Kommunistischen Partei Kubas veranstaltetes landesweites Bloggertreffen in meiner Stadt. Es bestehen keine Differenzen zwischen der revolutionären Blogosphäre und der Führung der Revolution. Im Gegenteil, sie hat anerkannt, wie wichtig die Aktivitäten der Blogger in den verschiedenen Netzwerken wie etwa Facebook sind, um die Realität der Kubanischen Revolution zu verteidigen. Uns geht es darum, die Wahrheit über die Realität in unserem Land zu erzählen. Hier kann ich über Facebook für nachts zu einer Party einladen und mich dann um ein Uhr auf der Straße mit meinen Freunden treffen, ohne dass etwas passiert. Das wollen mir Leser in Miami oft nicht glauben.

Viele Menschen hierzulande glauben, dass die Kubaner keinen Zugang zum Internet hätten, sondern ihnen nur ein zensiertes »Intranet« zur Verfügung stehe, von dem aus sie keine ausländischen Seiten erreichen können. Stimmt das?

In Kuba bestehen noch viele Schwierigkeiten mit dem Internet. Das kann man nicht bestreiten. Die Frage ist aber: Wer ist verantwortlich dafür, dass es hier nicht ausreichend Internetzugänge gibt? Sind das die Kubaner? Nein. Ist es die Regierung in Havanna? Nein. Ich möchte ein Beispiel nennen: Zwölf Meilen vor der Küste unseres Landes verläuft ein unterseeisches Glasfaserkabel. Kuba darf sich an dieses Kabel wegen der seit 50 Jahren bestehenden Handels-, Finanz- und Wirtschaftsblockade der USA nicht anschließen. Das ist so, als würde jemand deiner Mutter verbieten, dir über den Kopf zu streicheln – um dann zu sagen, deine Mutter sei böse, weil sie dich nie streichelt.

Das Thema Internet in Kuba ist kompliziert, denn tatsächlich laufen unsere Internetverbindungen über Satellit – das ist sehr teuer und zugleich sehr langsam. Ich leide selbst jeden Tag darunter. Ich habe einen Internetzugang zu Hause und verbinde mich über Modem. Das ist sehr langsam. Deshalb stehe ich jede Nacht um zwei Uhr morgens auf, wenn die Verbindungen nicht so überlastet sind, um meinen Blog zu aktualisieren. Die Priorität bei der Internetversorgung haben die Universitäten, Studienzentren und andere Bildungseinrichtungen, Nutzer, die für die gesellschaftliche Entwicklung von besonderer Bedeutung sind. In kapitalistischen Ländern mag es so sein, dass sich jeder eine Hochgeschwindigkeitsleitung legen lassen kann – aber dass es in Kuba nicht so ist, liegt nicht in der Verantwortung unserer Regierung. Es sind objektive Hindernisse, die es bislang unmöglich machen, jeden Punkt der Insel mit einem schnellen Zugang zu versorgen. Es sind also nicht wir, die das Internet blockieren. Die westlichen Medien, die etwas anderes behaupten, sollten lieber die US-Administration fragen, warum sie Kuba nicht gestattet, sich an das Kabel direkt vor seiner Küste anzuschließen.

Seit einigen Jahren liegt aber ein Unterwasserkabel zwischen Venezuela und Kuba. Hat das die Probleme noch nicht lösen können?

Der technologische Rückstand Kubas, der durch die Blockade verursacht worden ist, erlaubt es bislang nicht, die Leistung, die das Kabel zur Verfügung stellt, für die gesamte Insel nutzbar zu machen. So steht aufgrund der veralteten kubanischen Telefonleitungen bislang nicht die gesamte Bandbreite für Übertragungen zur Verfügung. Das Kabel hat die Lage etwas verbessert, ist aber nicht die Lösung aller Dinge.

Das kubanische Volk kämpft mit seiner eigenen Kraft um ein Leben, in dem alle dieselben Rechte und Möglichkeiten haben, um ein alternatives, sehr viel gerechteres System. Oder, wie es der Größte aller Kubaner, José Martí, einmal formuliert hat: eine Gesellschaft, in der das oberste Ziel aller Kubaner die Würde eines jeden Menschen ist.

Das Gespräch führte André Scheer

Wieder zu Hause

Dokumentarfilm über »Jorgito«: Erfolgreiche Bilanz der Vorführungen in Deutschland

Nach elf Veranstaltungen in allen Teilen Deutschlands ist der 21jährige »Jorgito«, Jorge Jerez, Anfang Dezember in seine kubanische Heimat zurückgekehrt. Gemeinsam mit seinem Vater Jorge hatte er mit einer Rundreise den Dokumentarfilm vorgestellt, den Tobias Kriele über sein Leben produziert hat. Der beeindruckende Streifen erzählt, wie der mit einer schweren körperlichen Behinderung geborene Jorgito sein Leben meistert – von der ersten Prognose der Ärzte, die den Eltern sagten, der Junge werde niemals laufen können, über die harten Jahrzehnte der Rehabilitation und seine Schulzeit bis schließlich hin zum Journalistikstudium. Es ist ein Film, der am Beispiel des bescheidenen Jorgito erzählt, was die Kubanische Revolution konkret für Kinder und Jugendliche auf der Karibikinsel bedeutet. Jorgito ist das bewusst, wie er selbst sagt: »In einem anderen Land würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben.«

Weil er die Bedeutung des sozialistischen Systems für sein eigenes Leben erfahren hat, will sich Jorgito für dessen Verteidigung einsetzen. Deshalb war ihm in den vergangenen Monaten der Kampf um die Freiheit der in den USA inhaftierten »Cuban Five« wichtig. Das ging so weit, dass Jorgito von Kriele verlangt hatte, keinen Film über ihn, sondern über die fünf zu machen. Doch wenige Tage nachdem er selbst, aus der BRD kommend, wieder auf Kuba gelandet war, konnte der junge Mann gemeinsam mit seinen Landsleuten über die Rückkehr von Antonio Guerrero, Gerardo Hernández und Ramón Labañino jubeln. »Ich bin glücklich – mein Vater und meine Onkel sind in Kuba!« schrieb er in seinem Blog. Sein Einsatz für die fünf hatte ihn deren Familienangehörigen so nahe gebracht, dass ihn Adriana, die Ehefrau von Gerardo, schon als ihren Sohn betrachtete – und Jorgito umgekehrt das getrennte Paar als seine zweiten Eltern. Auch das wird in dem Film deutlich, wenn Adriana zu Wort kommt: »Durch die Inhaftierung konnten Gerardo und ich keine Kinder bekommen. Jorgito ist für mich deshalb so etwas wie der Sohn, den ich nicht haben konnte.«

Auch Kriele freut sich über die Freilassung der fünf, aber genauso darüber, dass er sich Jorgitos Ansinnen widersetzt hat, ihnen den ganzen Film zu widmen. So bleibt er ein aktuelles und bewegendes Dokument der Realitäten Kubas an einem konkreten Beispiel.

Knapp 1.000 Menschen besuchten in Berlin, Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Bochum, Dresden, Augsburg, München, Göttingen und Mainz die Filmvorstellungen. Weitere Vorführungen sind angekündigt In einer ersten Bilanz zog Kriele das Fazit: »Ich denke, wir können insgesamt mit dem Erreichten sehr zufrieden sein. Von Jorgito und Jorge kann ich ausrichten, dass sie sich in allen Orten wie zu Hause gefühlt haben. Jorgito wurde nicht müde zu betonen, dass die menschliche Wärme, die ihm entgegengebracht wurde, ihn beeindruckt hat und zu den wichtigsten Erkenntnissen der Reise gehört.«

André Scheer

Der Film »Die Kraft der Schwachen« (El Poder de los Débiles, Kuba/BRD 2014, Laufzeit: 50 Minuten, Spanisch mit deutschem Untertitel; außerdem zur Auswahl: English, Français, Español, Türkçe, ελληνικά) ist auch auf DVD erhältlich, unter anderem über den jW-Shop (10 Euro zzgl. Versandkosten). Idee, Regie, Schnitt: Tobias Kriele, Kamera: Martin Broschwitz. www.kraftderschwachen.de



» http://www.jungewelt.de/2014/12-27/001.php?sstr=kuba
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Celebración del XIII aniversario del nacimiento de ALBA in PHBern, Mediothek, Bern

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BLOCKADE AGAINST CUBA . The longest genocide in history