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Einheit in der Vielfalt
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Die sozialen Bewegungen Lateinamerikas haben dem marxistischen Denken im 21. Jahrhundert neue Perspektiven auf das Verhältnis von Reform und Revolution, auf Sozialismuskonzepte und die Wege zu ihrer Realisierung eröffnet. Der argentinische Politikwissenschafter Atilio Boron erkundet in seinem in diesen Tagen beim Hamburger VSA Verlag erscheinenden Buch dieses Feld neuer Erfahrungen und mißt den Möglichkeitsraum aus, den es für linke Politik eröffnet. jW veröffentlicht einen um Fußnoten gekürzten und Zwischenüberschriften ergänzten Auszug vorab.

In seiner berühmten Rede »Die Geschichte wird mich freisprechen« definierte Fidel Castro den Begriff des »Volkes«. In dem Text klingt sehr stark der junge Marx durch, der die integrale Emanzipation des Proletariats im Sinne hatte. Und Castro brach mit einer sehr alten Tradition, als er sagte: »Wir verstehen, wenn wir vom Kämpfen reden, unter Volk die große unerlöste Masse, (…) die von allen betrogen und verraten wird, und die ein besseres und würdigeres und gerechteres Vaterland ersehnt; die von einem uralten Verlangen nach Gerechtigkeit getrieben wird, weil sie seit Generationen unter der Ungerechtigkeit und dem Spott leiden mußte. (…) Und hier sind die 600000 arbeitslosen Kubaner, die 500000 Landarbeiter, die 400000 Industriearbeiter und Tagelöhner, die 100000 Kleinbauern, die 30000 Lehrer, die 20000 Kleinhändler, die 10000 ausgebildeten Jugendlichen (…) Diesem Volk (…) wollten wir nicht sagen: ›Dir werden wir etwas schenken‹, sondern: ›Hier hast du, jetzt kämpfe mit all deinen Kräften, damit die Freiheit und das Glück dein seien werden.‹«

Aus diesen Worten läßt sich ein anderes Konzept des Subjekts herauslesen als das der Arbeiterklasse. Die starke Konzentration auf die Arbeiterklasse hat der lateinamerikanischen Linken großen Schaden zugefügt und hatte zur Folge, daß die große Masse an Campesinos, Indígenas, ländlichen und urbanen Armen schlicht von der Linken ignoriert wurde. Diese Masse der Bevölkerung war dazu verdammt, vom peripheren Kapitalismus übersehen zu werden und wurde in einer Art kolonialen Intellektualismus auch von der Linken übersehen. Was Castro oben schreibt, stellt einen Bruch mit dem klassischen Marxismus dar. Es ist eine Vision, welche auf die Notwendigkeiten und Bedürfnisse der unterdrückten und ausgebeuteten Massen eingeht und deren Einheit bei den emanzipatorischen Kämpfen fordert.

Der gegenwärtige Kapitalismus unterdrückt längst nicht mehr nur das Industrieproleta­riat, wie (der französische Soziologe – d. Red.) ­François Houtart schreibt, sondern er zwingt die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung dazu, sich der Logik des Kapitals unterzuordnen, was letztlich dazu führt, daß sich eine große Zahl von unterschiedlichen sozialen Akteuren heute im Gegensatz zur Bourgeoisie befindet. Das alte Industrieproletariat ist kleiner geworden und hat sich in zahlreiche Fraktionen aufgeteilt. Dafür sind an seine Stelle sehr viele unterdrückte Klassen und Gruppen getreten, die unter bestimmten Umständen bereit sind zu kämpfen.

Ohne Zweifel reflektiert diese Entwicklung des Kapitalismus auch die Niederlage der Projekte, die ihn einst ersetzen oder überkommen wollten. Trotzdem ist der Widerstand gegen die Kapitallogik der Arbeiterklasse nicht umsonst gewesen, wie (der britische Marxist – d. Red.) Ralph Miliband schreibt: »Wenn wir heute an einigen Orten einen demokratischen Kapitalismus haben, einen Wohlfahrtsstaat, offenere Gesellschaften, und der Despotismus des Kapitals in der Wirtschaft begrenzt ist, dann liegt das daran, daß die Arbeiterklasse im Westen den Kapitalismus angegriffen hat oder zumindest versucht hat, ihn zu reformieren.« Es ist klar: Es wurde nicht versucht, den Himmel im Sturm zu erobern, und die Projekte zeigten unterschiedliche Erfolge. Aber der Protagonismus der Arbeiterklasse und ihr transformatorischer Antrieb sind nicht zu negieren. Dennoch gelang es der Arbeiterklasse in den entwickelten Gesellschaften des Kapitalismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht, ihre historische Mission, die Überwältigung des Kapitalismus, zu erfüllen – aber sie hat es mehrfach versucht.

Proletariat neuen Typs


Nach obigen Ausführungen bleibt die Frage, ob es überhaupt noch eine Rolle für die Arbeiterklasse gibt. Die vorherrschenden Theorien in den Sozialwissenschaften haben der Arbeiterklasse nicht nur ihre Rolle für Veränderungen abgesprochen, sondern sie haben sie auch gleich als Stu­dienobjekt gestrichen. Die Relevanz von sozialen Klassen wird kaum noch untersucht. Aber ebenso, wie es den Theologen im Mittelalter erging, die versucht haben, die Naturgesetze zu negieren, wird es auch der intellektuellen Mode der Zeit ergehen: Die Gesetze der Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft verschwinden nicht einfach, nur weil die materialistische Gesellschaftsanalyse durch Wortspielereien ersetzt wurde, die zu nichts anderem führen, als den ausbeuterischen und unterdrückenden Charakter der kapitalistischen Gesellschaft zu verschleiern. Wie die Gegner von Galilei, die behaupteten, daß die Erde nicht um die Sonne kreise, sondern die Sonne und die Planeten um die Erde, so behaupten die Postmodernen in den Sozialwissenschaften, jene, die glauben, daß die sozialen Klassen und ihr Kampf der treibende Motor der Geschichte sind, seien von gestern. Doch die steigende Zahl von sozialen Akteuren bedeutet nicht, daß sich der Klassencharakter der Gesellschaft aufgelöst habe. Sie bedeutet vor allem, daß die soziale und politische Sphäre komplexer geworden ist. Die steigende Zahl und die Diversifizierung der sozialen Akteure hat nicht das Verschwinden der sozialen Klassen zur Folge und bedeutet auch nicht das Ende der Klassenkonflikte.

Die Zentralität der Arbeiterklasse ist keine statistische Angelegenheit. Ihre Größe oder ihr Anteil spielt in der kapitalistischen Gesellschaft eine untergeordnete Rolle. Ihre Zentralität speist sich aus ihrer singulären Stellung im Produk­tionsprozeß und ihrer unersetzbaren Rolle bei der Verwertung des Kapitals. Daraus wird der Schluß gezogen, daß es nur diese Klasse sein kann, die eventuell über die nötigen Bedingungen verfügt, die bürgerliche Ordnung zu stürzen. Daß sie für diese historische Mission die Unterstützung anderer sozialer Klassen und Gruppen braucht, liegt auf der Hand. Schon im Manifest der Kommunistischen Partei haben Marx und Engels darauf hingewiesen.

Wenn wir jedoch heute vom Proletariat sprechen, finden wir zwei unterschiedliche Situationen vor: zum einen die Verkleinerung des klassischen Industrieproletariats, zum anderen die unglaubliche Vergrößerung und wachsende Heterogenität, welche das Proletariat als Folge der Transformationen der kapitalistischen Produktionsweise kennzeichnen. In der entwickelten Welt wie in der Peripherie gibt es immer weniger klassische Industrieproletarier. Aber zugleich kann gesagt werden, daß es noch nie in der Geschichte so viele Proletarier gab wie heute – es sind nur eben Proletarier neuen Typs. Genau hierauf bezieht sich (der brasilianische Theologe und linke Aktivist – d. Red.) Frei Betto, wenn er vom lateinamerikanischen »Pobretariado«1 spricht und dessen Rolle bei der Transformation der Gesellschaften. Das Pobretariado setzt sich zusammen aus Industriearbeitern, aus ehemaligen Arbeitern, die arbeitslos sind, aus dem urbanen und ländlichen informellen Sektor, aus der verarmten und proletarisierten Mittelklasse, aus den Campesinos und den Indígenas. Oder in anderen Worten: aus Männern und Frauen, für die es in diesem System keine Hoffnung gibt.

Komplexe Klassenbeziehungen


Diese Veränderungen in der Anatomie der unteren Klassen erklären zum großen Teil, warum ihre traditionellen Organisationen in der Krise sind: Den Parteien und Gewerkschaften ist es bis heute nicht gelungen, sich an diese neue Realität anzupassen, und diese Leere wurde zunehmend von neuen sozialen Bewegungen gefüllt. Diese Bewegungen drücken eine andere Realität aus. Aber sie stehen nicht im Widerspruch zu dem Ziel, Veränderungen herbeizuführen. Die Forderungen der Nachbarschaftsorganisationen in den Armenvierteln, der Frauengruppen, der Jugendorganisationen, der Umweltschützer, der Pazifisten, der Menschenrechtsaktivisten können nicht vollständig verstanden werden, wenn man sie nicht im Rahmen der Klassenkonflikte und der bürgerlichen Dominanz analysiert. Andererseits bedeutet dies nicht, daß die Tätigkeit dieser Bewegungen auf die Klassenanalyse reduziert und davon ausgegangen werden kann, daß es das ist, was ihr Handeln bestimmt. Diese neuen Subjekte sind kein klassisches Phänomen des Klassenkampfes, aber sie drücken neue Arten von Widersprüchen und Forderungen aus, die von der Komplexität und den Konflikten innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft geschaffen wurden. Aber die Dynamik der neuen sozialen Bewegungen ist kaum zu ergründen, wenn man sie nicht in einem größeren Kontext der Klassenbeziehungen und ihrer Widersprüche betrachtet. Wie sonst wäre der Kampf der Nachbarschaftsorganisationen an der Peripherie der Städte zu verstehen, die Strom und Wasser fordern, ohne zu berücksichtigen, wie die Bourgeoisie Grund und Boden akkumuliert, beherrscht und damit spekuliert hat, was Millionen Lateinamerikaner dazu verdammt, in großer Armut zu leben? Wie sind die Forderungen der Menschenrechtsaktivisten in Lateinamerika zu interpretieren, wenn man vergißt, daß in diesen Ländern die Bourgeoisie und der Imperialismus mehrmals versucht haben, mit heftiger Repression eine ungerechte soziale Ordnung durchzusetzen? Wie ist die Ablehnung der Bourgeoisie gegenüber den Umweltschützern zu verstehen, wenn man nicht in Betracht zieht, daß deren Konzept von Umwelterhaltung sich der kapitalistischen Verwertungslogik widersetzt?

Zwar muß untersucht werden, welch tiefgreifende Veränderungen die unteren Klassen und Schichten erlebt haben, etwa ihre Fragmentierung und Heterogenisierung. Aber es muß auch erkannt werden, daß an der Spitze der sozialen Pyramide die Bourgeoisie und ihre unterschiedlichen Fraktionen gestärkt wurden. Die Bourgeoisie war in der Lage, ihre Strategien und Taktiken zu vereinen, im Rahmen des World Economic Forum in Davos sogar weltweit. Während also die unteren Klassen desintegriert und zersplittert wurden, so ist den oberen Klassen das genaue Gegenteil gelungen: Sie präsentieren sich als kohärent und vereint. Für diejenigen, die den Sozialismus aufbauen wollen, sind dies neue und große Herausforderungen. Die zunehmende Komplexität des gegenwärtigen Kapitalismus hat neue Konfliktlinien hervorgebracht, die neben den alten Klassengegensätzen existieren. Miliband schreibt hierzu: »Dies soll nicht bedeuten, daß die Frauen-, Schwarzen-, Friedens-, Umwelt-, Schwulenbewegung nicht wichtig wären oder etwa keinen Effekt haben könnten oder daß diese Gruppen ihre eigene Identität vergessen müßten. Auf keinen Fall! Es bedeutet nur, daß der wichtigste (nicht der einzige) Totengräber des Kapitalismus die organisierte Arbeiterklasse bleibt. Jene ist das nötige und unerläßliche ›Instrument des historischen Wandels‹. Und in der Tat, wie immer wieder gesagt wird, wenn die organisierte Arbeiterklasse diese Aufgabe nicht übernehmen will, dann wird die Aufgabe nicht erledigt. Es ist jedoch nichts in der fortgeschrittenen kapitalistischen Welt und in der Welt der Arbeiterklasse geschehen, daß diese Zukunftsvision nahelegen würde.«

Pluralität der Subjekte


Zusammenfassend sei gesagt, daß für den Aufbau des Sozialismus des 21. Jahrhunderts anerkannt werden muß, daß es nicht eines, sondern mehrere Subjekte gibt. Es wird die Aufgabe sein, dort, wo es eine große Anzahl von Unterschieden gibt, eine Einheit zu schaffen. Die Sprachen, die Kulturen, die Traditionen, die Mentalitäten, die Ideologien der unteren Klassen sind sehr verschieden, und es ist nötig, sie derart zu vereinen, daß es gelingt, eine kohärente politische Organisierung zu schaffen– was jedoch eine extrem schwierige Aufgabe ist. Wer hierbei mit vagen Konzepten und metaphysischen Ideen hantiert, etwa der »Multitude« von Hardt und Negri, hat nichts zu gewinnen. Ebensowenig vielversprechend sind die Ideen von Ernesto Laclau, nach denen der Diskurs die schöne Kraft hätte, das Subjekt zu erschaffen. Auch ist nicht viel davon zu halten, mit liberalen Konzepten, wie denen des Bürgertums, zu kommen, die die konkreten Bedingungen, unter denen die Bürger leben, verdecken. Zudem helfen abstrakte Begriffe wie »das Volk« oder die »Volkssouveränität« wenig. Schlimmer noch wäre es aber zu glauben, daß diese neuen Subjekte darauf verzichten könnten, eine Strategie zur Eroberung der Macht zu entwickeln. Denn im marxistischen Denken ist dies das zentrale Thema jeder Revolution: die Eroberung der Macht. In jedem Fall lohnt es sich, an Miliband zu erinnern, der schreibt: Wenn auch die neuen sozialen Bewegungen und die postmodernen Intellektuellen »die klassische Zentralität der Arbeiterklasse anzweifeln (…), so tun das die konservativen Kräfte der Gesellschaft nicht. Für sie stellen die Arbeiterklasse und die Linke noch immer die wichtigsten Gegner dar.«

Ein Punkt, der bei dieser Problematik nicht ignoriert werden darf, ist der falsche Gegensatz zwischen Parteien und sozialen Bewegungen. Dieser angebliche Gegensatz hat sich in den vergangenen Jahren leider tief in die Vorstellungen zahlreicher sozialer und politischer Akteure in Lateinamerika und der Karibik eingeschrieben. (…)

Diese Vereinfachung der Wirklichkeit hält keiner Analyse stand, die die sozialen und politischen Realitäten der lateinamerikanischen Länder in Betracht zieht: Die Laster, unter denen die Parteien leiden, greifen in der Regel auch schnell auf die sozialen Bewegungen über. Ihre Appelle zur Basisdemokratie finden in ihren eigenen Reihen nicht immer Anwendung, und nicht selten sind der Diskurs und die eigene Praxis in diesem Fall zwei Welten. Und die »neue Art, Politik zu machen«, die viele soziale Bewegungen für sich in Anspruch nehmen, endet nicht selten in den alten Praktiken der so verhaßten politischen Parteien.

Mit anderen Worten: Parteien und Bewegungen repräsentieren zwei unterschiedliche Arten der Artikulierung der Interessen der unteren Klassen. Weil sie auf unterschiedlichen Bühnen spielen, sind es zwei Arten, die nicht im Widerspruch zueinanderstehen, sondern sich ergänzen: Die Parteien arbeiten im Rahmen der politischen Institutionen und die Bewegungen in der Sphäre der Zivilgesellschaft. Wenn letztere eine engere Beziehung zu ihrer Basis herstellen können und daher deren Interessen stärker vertreten können, so haben sie doch das Problem, daß sie in dem Moment, in dem es darum geht, die unterschiedlichen Partikularinteressen in einer politischen Formel zu bündeln, Schwäche zeigen. Daher bleibt die Partei, in den Worten Gramscis der »moderne Prinz«, die bzw. der die Funktion innehat, die Fragmentierung der unteren Klassen zu integrieren und zu vereinen. Ganz gleich, welche berechtigten Kritiken es an einer Partei geben kann, so ist sie doch eine unersetzliche Komponente im emanzipatorischen Prozeß. (…)

Reform und Revolution


Es bleibt eine weitere Unbekannte: Wie läßt sich die Reife des revolutionären Bewußtseins der unteren Klassen bestimmen? In einer Rede an der Universität von Concepción in Chile im Jahr 1971 sagte Fidel Castro zu der komplexen Dialektik, die Reform und Revolution miteinander verbindet: »Die Revolution hat verschiedene Phasen. Unser Kampf gegen Batista war kein sozialistisches Programm, er konnte auch kein sozialistisches Programm sein, weil die unmittelbaren Ziele unseres Kampfes noch keine sozialistischen Ziele waren und sein konnten. Dies hätte das Niveau des politischen Bewußtseins der kubanischen Gesellschaft in dieser Phase überschritten; hätte auch das Niveau der Möglichkeiten unseres Volkes in dieser Phase überschritten. Unser Programm beim Sturm auf die Moncada-Kaserne war kein sozialistisches Programm. Aber es war das revolutionärste Programm, das unser Volk sich in diesem Moment vorstellen konnte.«

Welche Lehren können aus diesen Worten gezogen werden? Auf jeden Fall eine: Es ist die Pflicht der sozialen Kräfte, den Grad des realen politischen Bewußtseins und die realen Möglichkeiten des Kampfes der Bevölkerung in Lateinamerika genau zu ermitteln. Es geht darum, die tatsächlichen Bedingungen zu schaffen, was sich nicht ganz einfach darstellt, da die Bevölkerung seit Jahrhunderten mit jeglicher Art von Vorurteilen, Mythen, Aberglauben, kulturellen Traditionen und Ideologien bombardiert wird, die das Aufkommen eines klaren und wachen Bewußtseins über ihre eigene Lage verhindern. Eine weitere Lektion, die aus den Worten Fidel Castros zu ziehen ist: Der Blitz des Gedankens braucht genügend Volt, damit er in der Lage ist, den Funken zu entfachen, der die Prärie in Brand setzt. Daneben muß es darum gehen, verständlich und überzeugend eine Erklärung für die gegenwärtige Krise zu liefern und dabei den besonnenen Weg zu einem realistischen Notausgang zu weisen. Eines der Elemente, das der imperialistischen Dominanz gegenwärtig am meisten hilft, ist nicht das fehlende Bewußtsein über die soziale und ökologische Katastrophe, die der Kapitalismus verursacht. Es ist der düstere Fatalismus und die Resignation, die es unmöglich machen, eine Alternative überhaupt zu denken. Der zeitgenössische Marxismus muß beweisen, daß es Alternativen gibt und daß diese den Weg der Aktion weisen. Niemand denkt daran, aus einem Gefängnis auszubrechen, wenn er noch keinen Fluchtweg und keine Strategie für seinen Ausbruch hat. Der Neoliberalismus hat einen entscheidenden Sieg in der ideologischen Schlacht errungen, indem es ihm gelungen ist, unsere Gesellschaften – und darin vor allem die unteren Klassen und Schichten – davon zu überzeugen, daß es keinen Ausweg gibt.

Dies ist Gegenstand des Kampfes der Ideen: zu zeigen, daß es ein Leben nach dem Neoliberalismus gibt, daß eine andere Welt möglich ist und daß das Ende der Geschichte noch nicht erreicht ist. Dafür müssen die Kräfte der Linken aber über genügend theoretische Klarheit verfügen, um die nationale und internationale Stimmung korrekt deuten und mit Sicherheit feststellen zu können, wie es um die Kräfteverhältnisse bestellt ist. (…)

Fidel Castro sagte, daß ein »wahrer Revolutionär immer das Maximum an sozialer Veränderung versucht. Aber das bedeutet nicht, daß dieses Maximum an sozialer Veränderung immer vorgeschlagen werden kann. Es hängt vielmehr immer von der konkreten Situation bei Berücksichtigung des Entwicklungsniveaus des Bewußtseins und der Kräfteverhältnisse ab, ob ein bestimmtes Ziel vorgetragen werden kann. Wenn dieses Ziel einmal erreicht ist, muß man sich ein weiteres Ziel setzen.«7 (…)

Es muß weiter darauf aufmerksam gemacht werden, daß, auch wenn mit der Vergangenheit gebrochen wird, die Existenz der Revolution dazu führt, daß die stärksten Kräfte der Konterrevolution auf den Plan treten werden. Es gibt unzählige Beispiele dafür, daß in Lateinamerika – dem Hinterhof des Imperialismus – die noch so kleinste Reform heftige konterrevolutionäre Reaktionen hervorrief. Anders wird auch die Antwort auf den Versuch, einen Sozialismus des 21. Jahrhunderts aufzubauen, nicht ausfallen. Aber wenn die aufständischen Subjekte ein vollendetes Bewußtsein über ihren historischen Protagonismus erlangen und eine Organisationsform finden, die ihre Kräfte potenziert, dann gibt es kein Hindernis, das sie nicht aus dem Weg räumen könnten.

Anmerkungen


1 Der Begriff setzt sich zusammen aus: »Proletariado«, span. für Proletariat und »pobre«, span. für arm: »Pobretariado«.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Universität Buenos Aires und leitet das Lateinamerikanische Fernstudienprogramm für Sozialwissenschaften (PLED). 2009 erhielt er den UNESCO-Preis »José Martí«.

Atilio Boron, Den Sozialismus neu denken. Gibt es ein Leben nach dem Neoliberalismus? Aus dem Spanischen von Ingo Malcher, Hamburg, VSA Verlag, 120 Seiten, 12,90 Euro

junge Welt, 6. Oktober 2010
Atilio Boron
Datum: 2010-10-08 zurück



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