Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu überwinden

Tabakbauer in Vueltabajo in der Provinz Pinar del Río
Quelle: Irene Pérez

Es gibt historische Fakten von gestern, die man unbedingt verstehen muss, um heute in den Kontroversen klar und deutlich Stellung beziehen zu können.

Die Logik der kapitalistischen Akkumulation ist ein hervorragendes Instrument zur Schaffung von Ungleichheiten. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln verschafft dem Kapitaleigentümer Vorteile bei der Erzielung von Gewinnen, die zum Erwerb neuer Kapitalgüter verwendet werden, die wiederum die ursprünglichen Vorteile verstärken. So entsteht eine positive Rückkopplungsschleife, die zu einer Gabelung führt, an der sich die Wege der Besitzenden und der Habenichtse trennen und irgendwann unumkehrbar werden. Marx untersuchte dies in den Industrieländern und bezeichnete es als das Gesetz der Kapitalkonzentration. Fidel und Che Guevara haben diese Entwicklung in den Beziehungen zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern untersucht.

Die Kolonialkriege führten zu einer Ausweitung der Ungleichheiten auf internationaler Ebene. Die Volkswirtschaften der kolonisierten Länder wurden in den Dienst der kapitalistischen Akkumulation in den Metropolen gestellt. Die Kolonien waren Opfer der internationalen Kapitalkonzentration und wurden zu Rohstofflieferanten für die europäische Industrie, Rohstoffe, die zunächst durch Sklavenarbeit und später durch unterbezahlte Arbeiter gewonnen wurden.

Der gewaltigste Motor der Kapitalakkumulation in Europa war die Sklaverei auf dem amerikanischen Kontinent, die durch militärische Vorherrschaft durchgesetzt und aufrechterhalten wurde.

Die private exportbasierte Couponschneiderei in den armen Peripherieländern war eine notwendige Voraussetzung für die Akkumulationsdynamik in den reichen Kernländern.

Ein emblematisches Beispiel für die Durchsetzung des Freihandels zugunsten der Interessen der entwickelten kapitalistischen Länder war der Opiumkrieg von 1839, in dem Großbritannien China mit Waffengewalt den Freihandel und die Öffnung seiner Häfen aufzwang, als Reaktion auf den Versuch der chinesischen Regierung, den von der britischen Ostindien-Kompanie eingeführten Opiumhandel zu verbieten.

Einige Jahre später traten Frankreich, die Vereinigten Staaten und Russland in den Konflikt ein und zwangen China zu Verträgen, die als „Ungleiche Verträge“ in die Geschichte eingingen und elf Häfen für die Außenwelt öffneten, was zu einem enormen Handelsungleichgewicht für China führte.

Indien und China hatten im Jahr 1800 noch einen Anteil von 53 Prozent an der weltweiten Manufakturproduktion, aber im Jahr 1900 war er auf 5 Prozent zurückgegangen.

Die große Zweiteilung der Welt in reiche und arme Länder begann mit der ersten industriellen Revolution im 18. Jahrhundert und wurde durch die kolonialen Eroberungskriege verstärkt. Die zunächst verfolgte protektionistische Politik und die erst nach der Sicherung industrieller Vorteile erfolgende Einführung des Freihandels machten diese Entwicklung unumkehrbar.

Ist das System der Ausfuhr einer Monoproduktion (Gold, Silber, Zucker, Kautschuk, Kaffee, Baumwolle usw.) erst einmal etabliert, gibt es keinen Ausweg aus diesem „Käfig der Unterentwicklung“. Europa und Nordamerika, die ihre nationalen Industrien zunächst mit einer stark protektionistischen Politik entwickelten, zwangen später den Ländern des Südens, deren Manufakturen nicht mit den entwickelten Industrien des Nordens konkurrieren konnten, den Freihandel auf.

Eduardo Galeano beginnt sein unverzichtbares Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ mit der Feststellung: „Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, dass sich einige Länder auf das Gewinnen und andere auf das Verlieren spezialisieren“.

Die koloniale Wirtschaft wurde nach den Bedürfnissen des europäischen Marktes strukturiert, und die unterworfene indigene Bevölkerung wurde zu einem riesigen externen Proletariat für die Wirtschaft der Metropole.

Die Rolle des Hauptnutznießers des Systems wurde nach und nach von den Vereinigten Staaten übernommen. Im Jahr 1916, als Lenin sein Buch über den Imperialismus schrieb, entfielen weniger als 20 Prozent der privaten ausländischen Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik auf US-Kapital. Im Jahr 1970 lag dieser Anteil bereits bei 75 Prozent. Und dies ist keine Geschichte, die auf die vergangenen Jahrhunderte beschränkt ist: Auch heute noch berufen sich die politischen Entscheidungsträger der USA auf die Monroe-Doktrin („Amerika den (US-) Amerikanern“) als Grundlage ihrer Außenpolitik.

Die Institutionen des abhängigen Kapitalismus waren auf Wertabschöpfung und nicht auf wirtschaftliche Wertschöpfung ausgerichtet. Die herrschenden Klassen der lateinamerikanischen Kolonialgesellschaft und später der unterentwickelten kapitalistischen Volkswirtschaften waren nie für interne wirtschaftliche Entwicklung ausgelegt, sondern für Luxus, Verschwendung und Abhängigkeit.

Als Beispiel für diese Unfähigkeit der herrschenden Klassen des abhängigen Kapitalismus sei der Fall Kubas im Jahr 1920 angeführt, als die Zuckerpreise dem Land ein hohes Exportniveau bescherten, welches das von England überstieg. Diese Einnahmen wurden jedoch nicht für die industrielle Entwicklung des Landes verwendet, sondern flossen ins Ausland und/oder finanzierten den Luxuskonsum der Eliten.

Der durch die Armut der Mehrheit begrenzte Binnenmarkt fungierte nicht als Motor für die industrielle Entwicklung. Dies war nicht das Ergebnis eines ökonomischen Gesetzes, sondern einer politischen Entscheidung.

Die Privatisierung der lateinamerikanischen Volkswirtschaften wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die von den Militärdiktaturen aufgezwungenen neoliberalen Wirtschaftsdoktrinen verstärkt. Das erste „Experiment“ dieser Art wurde von US-amerikanischen Wirtschaftsberatern in Chile unter der Pinochet-Diktatur durchgeführt. Andere folgten. Die spärliche offizielle Entwicklungshilfe, die die lateinamerikanischen Länder erhalten, wird zumeist zur Finanzierung von Käufen in den USA verwendet und wird so zu einer Subvention für die dortigen Exporteure. Diese Abhängigkeit wurde durch die Privatisierung des Bankensystems verstärkt.

Die historische Erfahrung zeigt deutlich, dass die Eingliederung in die Weltwirtschaft nicht immer eine Quelle der Entwicklung ist, sondern auch zur Vertiefung der Unterentwicklung führen kann, insbesondere wenn die Eingliederung nicht mit der Fähigkeit zur Schaffung von Wissen verbunden ist.

Dies hängt von der Art der vollzogenen Einbindung in die Weltwirtschaft ab. Die Merkmale, welche diese Art der Einbindung in die Weltwirtschaft definieren, werden Tag für Tag, auch heute, mit jeder Investitionsentscheidung, mit jedem Handelsvertrag, mit jedem Kredit, mit jeder internationalen Wirtschaftspartnerschaft neu ausgestaltet.

In der globalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts gibt es natürliche Standortvorteile (Bodenschätze, Land, geographische Lage, touristische Attraktionen usw.), die genutzt werden müssen. Allerdings verlieren sie allmählich an Bedeutung zugunsten der erschaffenen Standortvorteile wie sozialer Zusammenhalt, politische Stabilität, Öffentliche Sicherheit, Bildung, Gesundheit, wissenschaftliche Kapazitäten und Kultur. Die Entwicklung dieser Standortvorteile ist eine unverzichtbare Aufgabe des sozialistischen Staates.

Denken wir also gründlich über die Wurzeln unserer gegenwärtigen Probleme in Kuba nach und überlegen wir mit maximaler Klarheit, was jetzt zu tun ist. Aber zugleich haben wir das, was wir haben, entschlossen zu verteidigen – vor allem die auf unserer Souveränität begründete Option, Kapitalismus und Unterentwicklung zugleich zu überwinden.

Wie José Martí schon im Jahr 1890 feststellte: „Die Vernunft muss, wenn sie führen will, in die Kavallerie eintreten“.

Agustín Lage war Leiter des Centro de Inmunología Molecular in Havanna. Dieser leicht gekürzte Text wurde auf seinem Blog veröffentlicht. In deutscher Sprache ist der Beitrag zuerst erschienen in Cuba Libre 3-2022

Quelle: agustinlage

Übersetzung: Tobias Kriele

Agustín Lage, Cuba Libre

Veröffentlicht unter Aktuell, Cuba, International, Kultur

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