Aktuell aus Cuba. Sechs Wochen in Cuba. Privileg und Verpflichtung.

 

In der Reiseplanung gesetzt waren die Teilnahme am 9. Kolloquium in Holguin für die Freilassung der Fünf Kubaner, die seit mehr als 15 Jahren in den USA als politische Gefangene eingekerkert sind und die Teilnahme am Seminar für den Frieden und die Abschaffung der Militärbasen, bezeichnenderweise in der Stadt Guantánamo, in Sichtweite der US-Basis. Ein Besuch in Santiago de Cuba sollte Aufschluss geben über die Wiederaufbauarbeiten nach dem verheerenden Wirbelsturm Sandy. Obligatorisch auch der Besuch im Nationalpark Alexander Humboldt in Baracoa, dem unsere Vereinigung schon verschiedentlich Unterstützung zukommen liess. Zum Abschluss der Rundreise durch Kuba bot sich der Besuch des berühmten Filmfestivals in Havanna an.

IX Coloquio por la liberación de los Cinco

In der nach Habana und Santiago de Cuba drittgrössten Stadt Holguin trafen sich 272 Delegierte aus 51 Nationen, um der Forderung an die Adresse von US-Präsident Obama zur Freilassung aller Fünf Kubaner Nachachtung zu verschaffen. Besonderen Eindruck machte dabei der Auftritt des früheren US-Justizministers Ramsey Clark sowohl an der Konferenz wie auch an der öffentlichen Manifestation vor Tausenden von Kubanern, in dem er die Politik des eigenen Landes gegenüber Kuba scharf kritisierte. Emotionaler Höhepunkt war natürlich die Teilnahme des mittlerweile freigelassenen René Gonzalez, der sich – bei aller Bewunderung im Volk und bei den Delegierten – vor allem für einen verstärkten Einsatz zur Freilassung seiner vier Freunde stark machte. In diversen Voten von Delegierten – mit Dominanz aus Lateinamerika – wurde der bewundernswerte Einsatz der Fünf Kubaner als vorbildhaft im Kampf für die gerechte Sache gewürdigt. Aus der Schlussdeklaration sind folgende Ziele künftiger Arbeit hervorzuheben:

Verstärkte Unterstützung von Aktionen in den USA aus unseren Ländern

Unterstützung und Offensive zur Bekanntmachung der Internationalen Untersuchungskommission, die am 7./8. März 2014 in London tagt, und an der aktiv teilgenommen werden soll

3.   Unterstützung der 3. Auflage von „Fünf Tage Aktionen für die Fünf“ vom 4. bis 11. Juni 2014 in Washington DC

Aufruf zur massiven Teilnahme am „III. Welttreffen der Solidarität mit Cuba“, eingeschlossen das X. Kolloquium, vom 27. bis 31. Oktober 2014 in Havanna

Das Papier endet mit der Forderung, noch mehr auf die Strasse zu gehen, und die Leute für das Schicksal der Fünf Kubaner zu sensibilisieren, dabei weiterhin die „Cintas Amarillas“ (gelbe Schlaufen) verwendend.

III. Internationales Seminar für den Frieden und zur Abschaffung der Militärbasen

In der Provinzhauptstadt Guantánamo wurden die 152 Delegierte aus 22 Ländern von Wissenschaftern aus Cuba und Argentinien anhand von offiziellem Material über wichtige Hintergründe der Militärstrategie der Weltmacht USA und deren Zusammenarbeit mit England und der NATO ins Bild gesetzt. Am Beispiel der US-Basis Guantánamo wurde aufgezeigt, dass neben der politischen auch massive ökonomische und ökologische Bedrohungen bestehen. Aufschlussreich auch die Informationen über die Maldivas, die im westlichen Jargon als Falkland-Inseln zu England „gehören“, aber auch dem US-Imperium und der NATO als „Trampolin“ für Militäraktion bis in den Mittleren Osten dienen. Hier stationierte Euro-Fighter und Atomwaffen sind Bedrohung für die ganze Region. Zudem ist der bis 2040 zur unberührbaren Zone erklärte Südpol mit riesigen Ressourcen nicht weit… Es lohnt sich, auf der Landkarte zu schauen, wie der ganze Kontinent von Militärbasen umgeben ist und die Bedrohung durch eine strategische Gegenoffensive gegen das „erwachte“ Lateinamerika wächst; mit Paraguay und Honduras als ersten Opfern.

Nach einer vielbeachteten Intervention durch unser Mitglied Martin Schwander wurden auch die neuen Formen der Kriegsführung explizit in die Schlusserklärung aufgenommen; nicht zu unterschätzen ist dabei der mediale Cyberpropagandakrieg.

Die Verlesung erfolgte anlässlich einer Kundgebung mit der Bevölkerung des Grenzdorfes Caimanera, keine 20 km von der US-Basis entfernt. Auf dass Friede die Devise für die Welt sei.

Santiago sigue siendo Santiago

Santiago bleibt Santiago – war die aufmunternde Parole, um nach dem verheerenden Wirbelsturm Sandy über die Runden zu kommen. Schon einen Monat nach der Katastrophe konnten wir bemerkenswerte Anstrengungen der Regierung feststellen; Strom- und Wasserversorgung waren zu einem guten Teil wiederhergestellt. Der oberste Verantwortliche, Lazaro Espósito, wird diesbezüglich von der Bevölkerung  immer wieder gerühmt. Beim jetzigen Besuch fallen uns die vielen baulichen Anstrengungen auf, insbesondere im historischen Zentrum, auch wenn der dominanten Kathedrale noch immer die beiden abgeschlagenen Kreuze auf den Turmspitzen fehlen; es gibt ja wirklich wichtigere Anliegen. Bei allen positiven Erkenntnissen bleibt gleichwohl der Eindruck, dass Sandy – wie damals im Jahre 2008 die drei Wirbelstürme kurz nacheinander – Cuba in seiner wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeworfen hat.

Baracoa und sein Naturparadies

Erst seit den 70er Jahren ist diese erste Stadt Kubas – „La Ciudad Primada“ – über die beeindruckende „Farola“-Passstrasse erreichbar. Nach Kilometern durch wüstenartiges Gebiet und entlang der Südküste taucht man nach Erreichen der Passhöhe in üppigsten Regenwald ein. Junge Wissenschafter aus der Region kämpften in den schwierigen 90er-Jahren für den Schutz eines grossen Gebietes in der Umgebung von Baracoa und überzeugten mit einer Petition Fidel Castro persönlich, ein bedrohliches Wasserprojekt zu stoppen. Der „Parque Alejandro Humboldt“ wurde zum Naturschutzgebiet erklärt. Er wird von einer kompetenten Equipe von Wissenschaftern und Campesinos liebevoll gepflegt und erhält deshalb und wegen seiner Einzigartigkeit mit vielen endemischen Pflanzen und Tieren auch von namhaften internationalen Umweltorganisationen Unterstützung. Mit gezielten, kleinen Beiträgen engagiert sich seit Jahren auch unsere Vereinigung. Die Mitarbeitenden des Parkes fördern mit regelmässigen Kursen das Umweltbewusstsein von Schulklassen und Campesinos in der Region.

35. Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano

Dieses weltberühmte Filmfestival ist die reine Qual der Wahl, angesichts seines riesigen Angebots. Einen guten Beitrag lieferte Peter Weymar (Hamburg/Havanna) mit „El Paraiso de la Mafia“, in dem er die schrecklichen Zustände auf Kuba vor der Revolution eindrücklich aufzeigt und damit den mutigen Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit der jetzt langsam wegsterbenden Generation von Fidel würdigt.

 Zu gerne hätten wir die Schlagzeile „Schweizer verprügelt Schweizer am Filmfestival in Havanna“ geliefert,  doch als uns der Film- und Kuba-Kritiker Geri Krebs – Schweizer Freund der Konterrevolutionärin Yoani Sanchez – im „Karl Marx“ erkannte, verzog er sich feige durch den Hinterausgang… 

Aus dem Alltag 

In Guantánamo, 5 Uhr morgens: Eine gewaltige Detonation reisst uns aus dem Schlaf. Ist da irgendwo ein Gasdêpot explodiert oder invadieren gar die Yankis? Beim Frühstück werden wir aufgeklärt: Das landesweite Verteidigungsmanöver „Bastión 2013“ hat begonnen, vorerst militärisch, dann mit den Massenorganisationen; beeindruckend, wie zum Abschluss der mehrtägigen Übung in öffentlichen Einrichtungen Reinigungs- und Hygienemassnahmen praktisch umgesetzt werden. Es ist beruhigend zu erfahren, wie gut hier der Zivilschutz für Notfallsituationen gewappnet ist.

Sauberes Wasser ist auch in Cuba ein köstlich Gut, und es werden grosse Anstrengungen unternommen, der ganzen Bevölkerung Zugang zu verschaffen; in Baracoa ist ein kilometerlanger „Aguaducto“ in Bau, mit dem aus einem der zahlreichen Flüsse der Stadt Wasser zugeführt wird. Andernorts sind es „Embalses“ oder „Presas“ (Stauseen), die der Wasserversorgung dienen. Das Wasser wird mit Chlor aufbereitet.  Zum Trinken empfiehlt sich gleichwohl das Aufkochen zu „Agua hervida“.

Schlimm, wie es andernorts ums Wasser steht. Der Nationalpark-Direktor zeigt uns einen paradiesisch schönen einsamen Strandabschnitt – übersät mit Abfall, den das Meer angeschwemmt hat. Bekanntlich ein Menschheitsproblem, das aber auch Unschuldige trifft. Regelmässig wird mit Schulklassen sauber gemacht.

Wöchentlich schwemmt es hier auch päckchenweise Drogen an; die Entsorgung ist streng geregelt.

Völlig überwachsene Ruinen zeugen von der Existenz einer US-amerikanischen Holzexportfirma; der Eigner verliess vor bald sechzig Jahren wegen der Revolution das Land. Kürzlich besuchte sein Sohn den Ort seiner Kindheit.

Es gibt eine ganze Reihe kostbarer Hölzer hier wie Majagua, Pino, Guano, Yuraguano, Ocuje, Caguairán, Cuyá, mit verschiedenartigster Verwendung (Möbel, Bau, Eisenbahnschwellen, Kunsthandwerk). Und der mächtige, sagenumwobene Ceiba-Baum? Nein, der sollte nicht gefällt werden. Das tat hier gleichwohl einer, eine Woche später erlag er einem Herzinfarkt, sagte uns ein Souvenirverkäufer augenzwinkernd.

Unsere langjährige Freundin in Santiago, absolut glaubwürdige Zeugin, erzählt uns von einem andern Schicksal. Ein Mann aus dem Quartier verliess das Land „Richtung Freiheit und gut Geldverdienen“. Er fand in den USA weder Arbeit noch Anschluss, hatte kein Geld für eine Rückkehr nach Cuba. In der Verzweiflung opferte er im Organhandel ein Auge, um mit dem Geld heimkehren zu können.

Nicht nachvollziehbar, wie in Cuba, einem Land solcher musikalischer Fülle und Güte, momentan an jeder Ecke dieselbe Schnulze des US-Puertoricaners Marc Antony abgespielt wird. Zurück in Havanna, hören wir wieder mal einen früheren Sommerhit: La Vida es un Carnaval. Und diesem Schlagertitel kann man hier manchmal bestens nachfühlen. Eine ungewohnte – relative – Stille herrscht am Tag der Staatstrauer für Nelson Mandela, einem grossen Freund von Fidel und des kubanischen Volkes.

Zum Schluss noch ein Gedanke zur immer wiederkehrenden Frage: Wie steht es um Kuba heute? Wir stellen die Gegenfrage: Was ist Massstab und womit vergleichen wir? Für uns hängt es von politischem Bewusstsein und Gewissensbildung ab, wie Lebensqualität definiert wird. Solange wir hier in jeder Schule lachende, fröhliche und friedlich spielende Kinder sehen und alle ihr Zuhause haben, hat das Modell Kuba Zukunft. 

Havanna, 09. 12. 2013

Samuel Wanitsch und Magdalena Hohl 


Havanna. Samuel Wanitsch und Magdalena Hohl beim Eintragen in das Kondolenzbuch für Nelson Mandela


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